„Perfektionismus ist ein schreckliches und nicht nur Deutsches Laster“ W. Brandt

Ich liebe es Blogartikel zu schreiben, weil mich jemand dazu inspiriert hat. Ein Thema, mit dem viele Menschen zu tun haben. Manche kämpfen damit, für andere ist es eine Lebenseinstellung: Perfektionismus.

Während so mancher ihn für sich als persönlichen Standard definiert und so sein Selbstkonzept des Perfekten aufrechterhält, leiden andere Menschen regelrecht unter ihrem Perfektionismus. Doch woher kommt dieser innere Antrieb immer alles zu 101% machen zu wollen? Wie kommt es, dass Du immer denkst „es ist einfach noch nicht gut genug“? Dann gibst Du noch mehr Gas, strengst Dich noch mehr an und statt, dass es besser wird, schlagen Deine Bemühungen vielleicht sogar ins Gegenteil um, richtig?

Ich möchte Dir in diesem Beitrag ein paar Tipps und Strategien an die Hand geben, wie Du Deinen Perfektionismus in den Griff bekommst. Nein, ich verspreche keinem, dass er seinen Perfektionismus durch diesen Text los wird und das ist auch nicht mein Anspruch. Vielmehr ist es etwas, womit Du lernen kannst positiv zu leben, so dass es Dir eine Ressource ist statt eine Last.

Perfektionismus: Ursachenforschung

Beantworte Dir zu Beginn bitte ein paar wenige Fragen:

  • Wann ist aus Deiner Sicht jemand wirklich perfekt?
  • Was macht einen perfekten Menschen für Dich aus?
  • Worin erkennst Du Perfektion?
  • Welche Person ist für Dich perfekt?

Denke einmal kurz über diese Fragen nach und wenn Du jetzt ein kleines Schmunzeln im Gesicht hast, dann ist Dir vermutlich aufgefallen, dass es reine Perfektion nicht gibt. Wieso um Himmels Willen strebst Du dann immer wieder danach alles perfekt machen zu wollen? Du kannst gar nicht anders?

Es ist reine Küchenpsychologie, wenn man meint dass Perfektionismus daraus entstünde, die eigenen Eltern hätten einen hohen Anspruch an einen schon in der Kindheit gehabt. Kindheit ist zwar sicher richtig und die Eltern spielen bei dem Thema eine Rolle. In der Literatur findet man jedoch oft auch einen anderen Hinweis (z.B. Bonelli 2014) und es entspricht auch meiner Erfahrung mit Perfektionisten, die eigentlich wohlbehütet aufwuchsen und deren Eltern auch gerne mal Fünfe gerade sein ließen. Denn wenn Du als Kind artig, lieb und nett warst, dann hast Du Deinen Eltern gefallen. Sie haben sich regelrecht gefreut und Dich in Deinem Verhalten bestärkt, mehr von dem zu tun, dass sie glücklich macht. Warst Du nicht brav, war das Gegenteil der Fall. Eigentlich logisch. Daraus entstand ein Glaubenssatz.

Deine innere Prägung

Du hast also in den ersten Jahren Deines Lebens gelernt „Ich erhöhe meinen Wert, wenn ich mich so verhalte, dass meine Eltern sich freuen“. Viel mehr noch: Du hast gelernt, wenn Du Dich konform verhältst lieben auch andere Dich. Verhältst Du Dich NOCH erwünschter, dann sind die NOCH netter zu Dir!

Darüber hast Du nicht immer bewusst nachgedacht, es war ein einfaches Reiz-Reaktions-Spiel, das Du aber in dein Erwachsenenleben mitgenommen hast und Dir heute vielleicht manchmal zum Verhängnis wird. Der Glaubenssatz: „Wenn ich perfekt bin, werde ich geliebt“ und das Gegenteil „Wenn ich nicht perfekt bin, werde ich nicht geliebt“. BOAH! Was für Sätze, oder! Was hat das denn mit Deinem Job zu tun, mit Deinen Eltern und überhaupt 🙂 ?! Auch wenn Du glaubst, es könnte vielleicht andere Ursachen haben (z.B. Perfektionismus ist lediglich ein Ausdruck Deines tugendhaften Verhaltens 🙂 ), widerspreche ich Dir gar nicht. Stattdessen lasse ich es so stehen und Du schaust einmal, ob Dir die nachfolgenden Strategien helfen, mit Deinem Perfektionismus umgehen zu können.

Perfektionismus bändigen

Kurze Bestandsaufnahme: Du hast eingangs (hoffentlich) festgestellt, dass es DIE Perfektion nicht gibt. Gleichzeitig hast Du aber (wir gehen mal ganz kühn davon aus) einen Dich limitierenden Glaubenssatz „Wenn ich nicht perfekt bin, bin ich weniger / nichts wert / schlecht / werde ich nicht geliebt“. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Erkenntnissen hast Du sozusagen beiläufig festgestellt. Du kannst sie mit ein paar Strategien auflösen:

  1. Loslassen: Das bedeutet Kontrolle bewusst abgeben und die damit verbundene innere Unruhe zuzulassen. Deine Kollegen oder Dein Team sind auch kompetent, sie haben ihre eigenen Herangehensweisen, aber auch sie machen gute Arbeit. Ganz bestimmt!
  2. Den Überblick behalten: Perfektionismus endet oft in detailverliebter Arbeit. Das führt zu einem Verlust des Blicks für das große Ganze und oftmals ist die (extreme) Detailarbeit nicht notwendig.
  3. Selbstliebe: Fokussiere Dich auf Deine Stärken und was Du gut kannst. Wenn etwas nicht so geklappt hat wie es sollte, ist es ein Learning. Negative Tiraden in Selbstzweifeln führen genau dorthin: zu Zweifeln an Dir selbst.
  4. Soziale Vergleiche: Ja, wir Menschen brauchen soziale Vergleiche, so wachsen wir und so finden wir auch Motivation. Übertreibst Du es damit jedoch, machst Du Dich klein und fühlst Dich minderwertig. Beherzigst Du Punkt 3. kennst Du Deine Stärken und kannst die Stärken anderer akzeptieren und von ihnen lernen.
  5. Pareto-Prinzip: Auch bekannt als 80-20-Regel. 80% „passd scho“ und 20% dürfen gerne auch einmal hinten runter fallen. Du kommst mit nichts weiter, wenn alles immer 100% haben muss. Im Gegenteil: Weil noch diese 20% fehlen werden Dinge oft aufgeschoben und verzögern sich stark!
  6. Niemand gewinnt alleine: Hilfe anzunehmen ist für manche Menschen extrem schwer, besonders für Perfektionisten. Sie vergleichen Hilfe für sich selbst oft mit Schwäche. Im Gegensatz dazu sind sie selbst extrem hilfsbereit! Keiner gewinnt alleine, Du wirst immer von irgendwoher Unterstützung in irgendeiner Fragestellung oder Situation benötigen, Punkt.
  7. Fehlbarkeit zulassen: In manchen Unternehmen werden die Fehler des Monats gekürt, um so eine Fehlerkultur zu schaffen, die Fehler einfach zulässt. Menschen machen Fehler, sonst wären sie Roboter, die nur im Rahmen ihrer Programmierung funktionieren… wie langweilig! Übrigens: Eigene Fehler mit den Fehlern anderer zu vergleichen ist ähnlich sinnfrei wie der soziale Vergleich an sich. Vielmehr ist die Haltung „Was ich kann ich aus dem Fehler von Kollege Guglmoser“ lernen zielführend, um selbst zu wachsen.

Ich glaube die wichtigste Botschaft ist, Du bist auch dann noch wertvoll, wenn Du etwas gehörig an die Wand gefahren hast. Und ich finde es auch legitim, sich darüber zu ärgern und eigene Schlüsse zu ziehen. Wenn Du merkst, dass es zuviel wird, in Grübeln endet oder in tagelangem Selbsthass mündet, dann beherzige die Punkte 1 bis 7.

Alles Gute für Dein nächstes Projekt
Ben

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