Mein Kollege, mein Freund

In diesem Sommer durfte ich wieder ein Seminar bei einem Träger in Nürnberg halten. Dort ging es u.a. um das Miteinander am Arbeitsplatz vor einem rechtlichen Hintergrund. Eine Teilnehmerin berichtete, bei ihnen sei die Stimmung super und ihre Kolleginnen sind auch ihre Freundinnen. Meine Antwort „das ist nicht immer positiv“ überraschte sie.

Warum Kollegen keine Freunde sind

So schmerzlich diese Erkenntnis auch ist: In der Arbeit ist die Grundlage des Zusammenarbeitens zunächst eine rechtliche. Sie haben einen Arbeitsvertrag mit ihrem Arbeitgeber, der Sie dafür entlohnt, dass Sie Arbeit leisten. Das bedeutet, Sie stehen mit ihm in einer Geschäftsbeziehung, ebenso wie Ihre Kollegen. So sind auch Sie und Ihre Kollegen in einer geschäftlichen und rechtlich bindenden Beziehung. Diese folgt nicht nur den arbeitsvertraglichen Richtlinien, sondern auch einer Reihe weiteren rechtlichen Grundlagen wie dem BGB, dem ArbZG, TzBfG und nicht zuletzt dem BUrlG. Dazu kommen eine Reihe Verordnungen, die auch Bestandteil dieser Geschäftsbeziehungen sind.

Natürlich leben auch Geschäftsbeziehungen von einem positiven Miteinander. Im alltäglichen Duktus als „Kollegialität“ bezeichnet, heißt das u.a., dass man sich gegenseitig unterstützt, schwierige Aufgaben gemeinsam bewältigt und miteinander statt gegeneinander arbeitet.

Freundschaften beeinflussen die Arbeitsatmosphäre

Meist sind es nur die beruflichen Themen in Kombination mit einer Grundsympathie, die eine „engere“ Beziehung über den Berufsalltag hinaus festigen. Dies ist daran erkennbar, dass die betreffenden auch in ihrer Freizeit Arbeitsthemen durchsprechen. Ab und zu nach der Arbeit auf ein Bier und schon sind die Kollegen echte Freunde, so meinen viele.

Ich möchte diese Vorstellung auch nicht grundsätzlich verurteilen und glaube durchaus daran, dass Kollegen auch echte Freunde sein können, privat wie im Beruf. In meinem ersten Berufsleben bei einem Mittelstandsunternehmen hatte ich mit einem Großteil meiner direkten Kollegen auch nach Feierabend regen Kontakt. Sogar soweit, dass meine Freunde und meine damaligen Kollegen befreundet waren. Das war eine großartige Zeit, denn wir hatten die gleichen Interessen (Computer und Technik). Im Arbeitsalltag hatten wir ähnliche Themen und setzten uns privat mit arbeitsbezogenen Inhalten auseinander, so dass auch unsere Arbeit davon profitierte. Es kann also klappen und es kann gut klappen.

Keine Frage. Eine positive Arbeitsatmosphäre ist für jede Belegschaft und die Vorgesetzten erstrebenswert. Arbeiten Kolleginnen und Kollegen wertschätzend miteinander und verzeihen sich Fehltritte gegenseitig, ist das eine produktive Arbeitsumgebung, in der eine Menge geht.

Die Kehrseite der Freundschaft

Allerdings ist im Beruf wie im Privaten ein Faktor nicht zu unterschätzen: Menschen ändern sich und die Lebenssituationen der Menschen ändern sich. Zum Beispiel dann, wenn ein Kollege / eine Kollegin eine Familie gründet, was immer Auswirkungen auf das Arbeitsverhältnis hat. Egal ob bei der Urlaubsplanung, beim Mutterschutz oder den zu besprechenden Themen, kann sich das freundschaftliche Blatt unter bislang „besten Kollegen“ drehen. Wo es vorher noch toll war, dass die Kinder im gleichen Alter sind, fällt spätestens nach der Einschulung beiden wieder ein, dass Sie eigentlich gerne in der Urlaubswoche in den Ferien frei hätten wie der Kollege / die Kollegin. Hier kann, je nachdem wie beide oder mehrere Kollegen damit umgehen, das kollegiale und freundschaftliche Verhältnis bereits die Arbeit stören, ja sogar ins Gegenteil umschwenken. Wie ist es wohl wenn die beste Freundin zur Teamleitung ernannt wird und insgeheim beide Interesse an der Stelle hatten?

Aus Sicht der Vorgesetzten sind engere Beziehungen, die ins Private der Mitarbeitenden hineinreichen, weniger wünschenswert. Denn in einer Belegschaft oder einem Team von zehn bis 20 Kolleginnen und Kollegen bilden sich kleinere Gruppen (was auch nicht immer schlecht sein muss). Diese Gruppen betreiben ein eigenes Informationsmanagement und neigen gleichzeitig dazu, andere auszuschließen. Gerade in Zeiten von übergreifendem und agilem Arbeiten ist das kontraproduktiv. Auf diese Weise verschlechtert sich die übergreifende Arbeitsatmosphäre deutlich.

Zu guter Letzt

Die gute Nachricht: Ihr/e Vorgesetzte/r kann Ihnen eine persönliche Freundschaft außerhalb des Arbeitsplatzes nicht untersagen. Außerdem hat Ihr Chef/Ihre Chefin auch Interesse an einer harmonische Arbeitsatmosphäre. Hat diese Freundschaft jedoch negative Auswirkungen auf den Arbeitsplatz, besteht für die Chefetage Handlungsbedarf.

Entscheiden Sie selbst, wie eng Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen sein möchten und verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl. Vergessen Sie dabei bitte eines nicht: Sie sind auch mit Ihren besten Kollegen in einer Geschäftsbeziehung.

Herzlich, Ihr
Benjamin Rahn

Sie haben Fragen zu Konflikten oder personellen Themen am Arbeitsplatz? Sprechen Sie mich gerne an -> Hier geht´s zur Kontaktseite

2 Replies to “Mein Kollege, mein Freund”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.