Kritische Stimmen, digitale Demenz und der Terminator

Nach meinem letzten Blogpost (Teil 1) zur Abrechnung mit Digitalisierungsgegnern erreichten mich zustimmende, kritische und teils auch verstörend aggressive Mails zum Thema (und auch ein mehr oder minder interessanter Kommentar, s.u. dem ersten Artikel). Letzteres macht eines deutlich: die Digitalisierung wird nicht allen bekommen, schon gar nicht jenen, die sich hinter Fake-Mail-Adressen verstecken und sich nur auf diese Weise trauen, ihre Meinung zu äußern.

Ein offenbar wissenschaftlich orientierter Herr, schrieb mir (durchaus freundlich), ich solle doch versuchen mich kritisch dem Thema zu nähern, statt in „jugendlicher Euphorie dieser Thematik zu huldigen und mich über ewig Gestrige zu echauffieren“. Nun könnte ich entgegnen, dass ich nichts weiter als die Antithese zur Digitalen Demenz von Manfred Spitzer vertrete, was recht polemisch wäre. Zunächst möchte ich hier noch einmal deutlich machen, dass es DIE EINE Digitalisierung aus meiner Sicht nicht gibt. Es sind mehrere Aspekte und gesellschaftliche Bereiche, die davon berührt sind. Das kann positive Auswirkungen bedeuten wie z.B. eMobilitäts-Dienstleistungen, die den Besitz eines eigenen Autos irgendwann obsolet machen und damit ökologisch wertvoll sind. Sie kann sicher aber auch negative Folgen bei Themen wie Kameras mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum mit Scoring des konformen Sozialverhaltens haben, wie es in China bis 2020 realisiert werden soll (Grüße von George Orwell).

So haben mich die Rückmeldungen zu den letzten Artikeln zu diesem neuen Artikel inspiriert und ich möchte in den nachfolgenden Zeilen ein paar weitere Gedanken äußern und mich den Herausforderungen und meinen eigenen Sorgen zum Thema widmen. Denn kürzlich schickte mir jemand einen Youtube-Link des Unternehmens Boston Dynamics, der meine Euphorie ein wenig trübte. Denn dieses Video zeigt (siehe Ende des Beitrags), dass Science-Fiction Szenarien bereits Realität sind. Wo wir uns Anfang der 90er Jahre bei Arnold Schwarznegger in Form des Terminators noch dachten „puhhh, Gottseidank ist das nur ein Film“, müssen wir uns heute vor Augen führen: Humanoide Roboter sind Realität.

Dabei sehe ich die größten Herausforderungen nicht unbedingt in der Maschine an sich. Denn so autonom Roboter auch irgendwann sein mögen, sie werden von Menschen erschaffen und gesteuert. Vielmehr sehe ich neben den sozialen und ökonomischen Fragestellungen die ökologischen Gesichtspunkte. Sofern wir wirklich in 10 oder 20 Jahren alle elektrisch fahren sollen, müssen die Akkus irgendwo produziert und der Strom zur Ladung dafür aufgebracht werden. Im Jahr 2015 (Quelle: Statista) waren rund 1,3 Milliarden KfZ weltweit registriert. Ausgehend davon, all diese Kraftfahrzeuge werden durch Fahrzeuge mit Lithium-Akkus ersetzt, müssen 1,3 Milliarden Lithium-Akkus produziert und verbaut werden. Eine Überprüfung des M-I-T in den USA hat ergeben, dass die Rohstoffe dafür -allem voran Lithium und Kobalt- langfristig knapp werden können. Kobalt hat die größten Vorkommen in der Republik Kongo. Schon heute suchen  überwiegend Kinder nach diesem Metall, damit die Akkus bei uns gebaut werden können (längst auch für unsere Smartphones).

„It allows you to seperate the good guys from the bad“: Nachhaltigkeit und Missbrauch

Bei der zunehmenden Digitalisierung wird Nachhaltigkeit auf Kosten der Natur, Umwelt und zuletzt auch ärmerer Länder konsequent ignoriert. Diese Länder kümmern sich bereits jetzt schon um die Verwertung unseres Elektroschrotts, der auf Müllbergen im Kongo von Kindern und Jugendlichen auf der Suche nach Metallen verwertet wird. Die gesammelten Metalle werden für ein paar wenige Cent an zentralen Stellen abgegeben, die wiederum diese Metalle an Konzerne verkaufen, die diese wiederum in unsere Handys, Tablets und Computer verbauen. Eigentlich ein gar nicht so unsinniger Recycling-Kreislauf, wären da nicht die Kinderarbeit, nicht vorhandener Arbeitsschutz und die Ausbeutung der Arbeitskräfte in diesen Ländern.

Es müssen also nicht nur die Rohstoffe für die Produktion aufgebracht werden, vielmehr ist es sinnvoll wenn Politik und Wirtschaft gemeinsam daran arbeiten, wohin dem Elektroschrott oder noch besser eine Antwort auf die Frage finden: Wie können verbrauchte Ressourcen wieder aufbereitet und in den Kreislauf zurückgebracht werden. Ohne Ausbeutung ganzer Landstriche, ohne die Weltmeere weiter zu belasten und weiterhin Müll zu produzieren.

Nutzung für Militärtechnik (klick für Video): In dem Video werden intelligente Minidronen mit Gesichtserkennung und einem Sprengkopf gezeigt, die auf Befehl direkt einzelne Personen attackieren und ausschalten können. Die verstörende Begeisterung des Publikums in dem Video wird nur noch durch den bizarren Gedanken übertroffen, was wohl diese Technologie in den falschen Händen anrichten könnte. Intelligente Maschinen werden leider viel zu oft vom Militär für deren Zwecke verwendet, die Gelder dafür scheinen endlos.

Während Konzerne versuchen, die Gewinne durch neue Technologien schnellstmöglich abzuschöpfen, schreiten die Entwicklungen im Silicon Valley exponentiell voran. Das bedeutet, nicht nur die Abstände neuer Entwicklungen werden immer kürzer, sondern mit jeder neuen Entwicklung gibt es zig weitere Entwicklungen und Erkenntnisse. Mittels künstlicher Intelligenz können Berechnungen für z.B. Bewegungsprobleme von Robotern schneller und effizienter nachberechnet werden. Je mehr wir wissen und Maschinen mit diesem Wissen ausstatten, desto schneller das Wachstum.

Diesen Problemen begegnen wir nicht, indem wir Richard David Precht und Harald Welzer in Talk Shows zuhören (die ich beide übrigens sehr schätze), sondern indem die Themen in die Politik kommen. Letztes Jahr im September meinte ein CDU-Politker „Wir haben sogar Blockchain im Koalitionsvertrag“. Es mit aufzunehmen ist schonmal eine gute Sache, nur was passiert mit dem Thema des Koalitionsvertrages? Unser parlamentarisches System wird von den schnellen Entwicklungen überholt. Ehe es eine Gesetzesvorlage zum Thema gibt, wurde Blockchain bereits um Tangle und SmartContract-Plattformen ergänzt.

Letztlich ist auch ein Roboter ein Computer, der von Menschen programmiert wird. Ihm die richtigen Befehle zu geben, die künstliche Intelligenz dennoch zu steuern, Grenzen bei dem Einsatz zu setzen und das gesamte Steuersystem einer neuen Form von Erwerbsarbeit anzupassen, ist Aufgabe der Politik und verantwortungsbewusster Unternehmen. Es kann nur ein Zusammenspiel aus Wertschöpfung, Nachhaltigkeit und politischen Anpassungen klappen. Und zwar nicht erst, wenn die Realität die Politik einholt, sondern im Vorfeld dieser neuen Ära. Ich bin sehr gespannt, wo wir technisch, sozial, ökonomisch und ökologisch in 20 Jahren stehen und überlege mir vielleicht für einen nächsten Post ein mögliches Zukunftsszenario… eins, das mir selbst behagt selbstverständlich :-).

Herzlich, Ihr

Benjamin Rahn

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