„Warum sollten wir ausgerechnet Sie nehmen“? Das herkömmliche Vorstellungsgespräch ist Schnee von vorgestern

„Warum sollten wir aus den zahlreichen Bewerbungen denn ausgerechnet Sie einstellen?“ „Nennen Sie uns Ihre Stärken und Schwächen!“ „Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?“

Wen nerven nicht die Standardfragen in einem Vorstellungsgespräch, wenn die junge Personalerin nach allen Regeln der Lehrbücher sie einem Bewerber stellt und der Chef kopfnickend und erwartungsvoll daneben sitzt. Vorstellungsgespräche sind anstrengend für beide Seiten. Sicher ist der Ball eher auf Seiten des Bewerbers, denn in aller Regel ist es ein besonderes Ereignis, dass bestenfalls alle paar Jahre mal vorkommt. Im Gegensatz dazu führen die dafür Verantwortlichen eines Unternehmens regelmäßig Bewerbungsgespräche, sind also routiniert in ihrem Ablauf. So entsteht die große Gefahr eines phrasenhaften Verlaufs, der für beide Seiten sehr zäh wird. Um das zu verändern, sind Personalverantwortliche in den letzten Jahren neue Wege gegangen und haben sich neue Fragen ausgedacht.

Fragwürdige Fragen

Ich persönlich halte von vielen dieser Fragen nichts. Vor vielen Jahren wurde mir in einem Bewerbungsgespräch die Frage nach dem Gewicht einer Boeing 747 gestellt, auch wie viele Bälle ich meine übereinander stapeln zu können. Auch wenn ich die Fragen originell fand und die Intention dahinter verstand, nämlich u.a. zu erkennen wie ein Bewerber auf unbekannte Herausforderungen reagiert, so fragwürdig fand ich es dennoch.

Denn ich sehe ein Bewerbungsgespräch nicht als Prüfung an. So wird es aber von Bewerbern verstanden, wenn ihnen derartige Fragen gestellt werden. Stellen Sie sich als Arbeitgeber bitte einmal umgekehrt vor wie es für Sie wäre, würde ein Bewerber Ihnen die Frage stellen „Wissen Sie wie viele Kühe es in Schottland gibt“. Solche Fragen stellen Personaler tatsächlich! So entsteht ein Frage-Antwort-Stress-Reaktions-von-oben-herab-Spiel, aus dem im besten Fall nur die Gesprächsführenden „schlau“ werden. Einen guten Eindruck hinterlassen Sie beim Bewerber als Unternehmen nicht. Es hat nichts mit Professionalität zu tun, wenn wenn Personaler und Vorgesetzte einem Bewerber das Gefühl vermitteln, er sei als Person in dem Moment weniger wert.

Ein gutes Gespräch auf Augenhöhe

Es beginnt beim Setting. Sitzen einem Bewerber mehr als zwei Mitarbeitende gegenüber, entsteht der Eindruck einer Prüfungskommission, in der Bewerber auf Herz und Nieren durchleuchtet werden. Das erschwert die Situation nicht nur dem Bewerber unnötig, sondern auch den Verantwortlichen im Auswahlprozess (zu viele Köche…). In einem Vorstellungsgespräch geht es um ein Kennenlernen. Die Bewerbung hat mir gefallen und die „Hard Skills“ haben mich zunächst überzeugt. Jetzt geht es für mich darum, einen Eindruck über den Menschen hinter den aufgehübschten Bewerbungsunterlagen mit stylischem Foto zu gewinnen. Denn mit dieser Person muss ich arbeiten können und sie muss auch mit mir arbeiten können. Es geht also um ein gutes Gespräch auf Augenhöhe.

Obwohl viele Bewerber zu erwarten scheinen, dass zunächst etwas über die Organisation erzählt wird und ich einen Monolog halte, erläutere ich kurz den Ablauf des Bewerbungsverfahrens und sage zum Einstieg auch, dass es mir wichtig ist, dass wir uns ein wenig kennenlernen in dieser kurzen Zeit (mit Verlaub: Über das Unternehmen hat sich ein Bewerber vorher im Internet informiert). Dann sage ich, dass es mir wichtig ist auch ein gegenseitig interessiertes Gespräch zu führen statt einer Fragerunde mit Plus und Minuspunkten. Personalentwicklung

Per Dialog zu Ergebnissen

Wie es zum Interesse an der ausgeschriebenen Stelle kam und welche Aufgaben daraus den Bewerber reizen, sind meine Einstiegsfragen und geben ihm auch eine konkrete Chance in das Gespräch einzusteigen und sich ein wenig „einzureden“. Denn diesen Teil bereiten alle Bewerber vor, würde ich zumindest empfehlen. In den Antworten tauchen dann ausreichend Punkte auf, auf die man im Gespräch Bezug nehmen  und es auf diese Weise voranbringen kann. Manchmal stellt ein Bewerber gleich in diesem Einstieg eine Frage. „Wie kann ich mir die Aufgabe -Führen von Konfliktgesprächen- konkret vorstellen“ und dann ist der Ball wieder bei den Gesprächsführern. So gewinnen beide Seiten einen Eindruck über die Personen und die Aufgabenstellung. Entsteht ein Dialog auf Augenhöhe, haben Personaler und Vorgesetzte ausreichend Informationen übereinander und gehen mit vielen Ergebnissen aus dem Gespräch. Schimpft der Bewerber gleich zu Beginn über seinen ehemaligen Arbeitgeber? Wirkt jemand unsicher oder ist besonders forsch? Passt der Bewerber in das Team und zur Unternehmenskultur? All diese Dinge interessieren uns doch bei einer Vorstellung. Nach einem einstündigen Dialog kommt man zu den gleichen Ergebnissen, als hätte man die Fragen lehrbuchartig aufgesagt und damit aber eine Prüfungsatmosphäre geschaffen. Natürlich kann man auch innerhalb eines Gesprächs auf Augenhöhe Fragen nach dem letzten Arbeitszeugnis unterbringen und Stärken und Schwächen herausfordern sowie den roten Faden behalten. Dazu gehört ein wenig rhetorisches Geschick gepaart mit Diplomatie und Sympathie.

Es bleibt letztlich eine Frage der persönlichen Haltung von Personalern und Vorgesetzten. Gerade in einer Zeit, in der Bewerber den Markt bestimmten und viele Fachkräfte fehlen, müssen Unternehmen mit patriachalisch anmutender Vorstellungsgespräch-Attitüde umdenken und einige Schritte auf Bewerber zugehen.

Übrigens, eine Boeing 747-400 wiegt laut Lufthansa-Magazin online 183.500 Kg.

Herzlich, Ihr Benjamin Rahn

1 Kommentar to “„Warum sollten wir ausgerechnet Sie nehmen“? Das herkömmliche Vorstellungsgespräch ist Schnee von vorgestern”

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Frag mich eh was Personalchefs den ganzen Tag tun. Bekloppte Fragen ausdenkn!!!

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